Die Stadt der Gefäße

Der Morgen fragt nicht, was gestern gelungen oder misslungen ist.

Er öffnet lediglich ein neues Fenster. Ob wir hinausblicken, hinausgehen oder es bemalen, entscheidet erst der Tag.

Die Stadt der Gefäße und der wandernde Kopf

Einst gab es eine Stadt, die aus Tausenden von Linien, Formen, Materialien erbaut war.

Die Häuser waren bunt, die Türme kunstvoll, und jedes Gefäß auf den Dächern bewahrte einen Gedanken auf.

Über die Stadt wachte ein großer Kopf.

Er war alt und schwer von Erinnerungen.

Auf seiner Schulter saß ein kleiner Kopf, der jung war und voller Fragen.

„Warum tragen wir all diese Gedanken mit uns herum?“, fragte der kleine Kopf.

„Damit wir nicht vergessen, wer wir sind“, antwortete der große.

Tag für Tag blickten beide über die Stadt.

Sie sahen die Gefäße, die mit Wissen, Sorgen, Hoffnungen und Geschichten gefüllt waren.

Manche waren so voll, dass kein weiterer Gedanke mehr hineinpasste.

Nur auf einer roten Scheibe mit einem lächelnden Gesicht war etwas anderes.

Der große Kopf schüttelte sich darüber. „Wie töricht! Während alle anderen Gedanken sammeln, lächelt dieses Wesen nur.“

Da sprach die rote Scheibe:

„Ihr verwechselt Sammeln mit Verstehen.

Ein Gefäß ist nicht deshalb wertvoll, weil es voll ist.

Es ist wertvoll, wenn das Richtige darin Platz findet.“

Die Stadtbewohner hörten dies und begannen ihre Gefäße zu öffnen.

Alte Ängste ließen sie davonfliegen wie Vögel.

Überholte Gewissheiten rollten die Straßen hinunter.

So entstand Raum für Neues.

Der kleine Kopf lächelte.

„Nun verstehe ich“, sagte er. „Wer nur anhäuft, wird schwer. Wer auswählt, wird frei.“

Der große Kopf schwieg lange.

Dann nahm er eine seiner ältesten Erinnerungen heraus und ließ sie in den Himmel steigen.

Zu seiner Verwunderung wurde er nicht ärmer, sondern leichter.

Von diesem Tag an wachten die beiden Köpfe weiter über die Stadt.

Doch nun zählten sie nicht mehr die Gedanken, die gespeichert wurden, sondern die, die geteilt wurden.

Und die rote Scheibe lächelte noch immer.

Nicht die Menge dessen, was wir besitzen oder wissen, macht uns weise, sondern die Fähigkeit, Platz für das Wesentliche zu schaffen.

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