wenn die Konturen verwischen

Es ist der sich verdichtende Nebel des Seins.

Was klar war ist auf einmal verschwommen.

Dinge, an die man geglaubt hatte verlieren sich und man stellt sich die Frage was wohl noch kommen mag.

Aber all das ist kein Grund zum Pessimismus, auch wenn es einem manchmal zum heulen zu Mute ist.

Alles geht vorbei, und die Hoffnung bleibt immer.

Nicht alles, was uns verbindet, ist ein Kabel, nicht alles, was uns trennt, ist eine Entfernung.

Manchmal genügt ein offenes Fenster, ein Blick in die Dämmerung oder ein Satz, der zur richtigen Zeit ankommt.

Die Technik baut Brücken aus Daten. Den Weg darüber gehen müssen wir selbst.

So wie in der kleinen Fabel.

Es war einmal in der Stadt der Spiegelbilder, wo jedes Wesen mit einer klaren Kontur geboren wurde.

Die Bäume wussten, dass sie Bäume waren, die Häuser kannten ihre Mauern, und die Menschen trugen ihre Gesichter wie unverwechselbare Wappen.

Mitten in der Stadt lebte das Chamäleon Karo.

Es beneidete die anderen um ihre festen Umrisse.

Denn Karo nahm ständig die Farben und Muster seiner Umgebung an.

Vor einer Backsteinmauer wurde es rotbraun, im Garten grün und zwischen den Schildern der Stadt voller fremder Zeichen.

„Du bist niemand”, spottete der Turm aus Stein. „Wer seine Konturen verliert, verschwindet irgendwann ganz.”

Karo schwieg. Doch mit den Jahren geschah etwas Seltsames.

Über der Stadt zog ein Nebel auf.

Nicht aus Wasser, sondern aus Nachrichten, Bildern, Gerüchten und Erwartungen.

Der Nebel legte sich über die Straßen und begann die Konturen aller Wesen zu verwischen.

Die Häuser wussten nicht mehr, wo ihre Fassaden endeten.

Die Bäume glaubten, Schilder zu sein.

Die Menschen sahen ihr Spiegelbild und erkannten sich kaum wieder.

Jeder fragte den anderen:

„Wer bin ich eigentlich?”

Die Angst wuchs.

Da trat Karo vor die Versammlung auf dem Marktplatz.

„Vielleicht”, sagte das Chamäleon, „liegt eure Verwirrung nicht daran, dass die Konturen verschwinden.

Vielleicht habt ihr vergessen, was hinter den Konturen lebt.”

Der steinerne Turm lachte.

Doch genau in diesem Augenblick brach ein Stück seiner Mauer aus dem Nebel heraus.

Dahinter kamen alte Geschichten zum Vorschein, Erinnerungen an Handwerker, Kinderlachen und Glockenschläge.

Der Turm verstand plötzlich: Er war nie nur Stein gewesen.

Auch die Menschen blickten hinter ihre verschwimmenden Gesichter.

Dort fanden sie Erfahrungen, Hoffnungen, Fehler und Träume. Dinge, die keine Linie und kein Rahmen festhalten konnten.

Der Nebel verschwand nicht.

Aber die Stadt lernte, mit ihm zu leben.

Und das Chamäleon, das niemals feste Konturen besessen hatte, wurde zum Lehrer aller.

Seitdem sagt man in der Stadt der Spiegelbilder:

Wer nur seine Konturen kennt, verliert sich, sobald sie verwischen. Wer sein Wesen kennt, findet sich selbst auch im Nebel wieder.


Nicht jede verschwommene Grenze bedeutet Verlust.

Manchmal zeigt erst das Verwischen der Konturen, was darunter wirklich Bestand hat.

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