
“Nicht jeder Schritt verändert die Welt. Doch jeder bewusste Schritt verändert den, der ihn geht.
Die Wege erinnern sich nicht an unsere Eile, wohl aber an unsere Aufmerksamkeit”.
Die Oberfläche verrät etwas, aber nie alles.
Das Desktop eines Computers, der Sperrbildschirm eines Smartphones, die Bücher im Regal, die Bilder an den Wänden, die Kleidung, die Wortwahl eines Menschen: All das sind Spuren.
Sie sind nicht der Mensch selbst, aber sie erzählen etwas über Vorlieben, Sehnsüchte, Erinnerungen oder Selbstbilder.
Wer als Hintergrundbild eine Berglandschaft wählt, sagt damit vielleicht etwas über seine Liebe zur Natur.
Wer ein Familienfoto wählt, vielleicht etwas über Verbundenheit.
Wer ein abstraktes Kunstwerk bevorzugt, vielleicht etwas über seine Freude am Rätselhaften.
Doch sicher wissen wir es nicht.
Das Bild ist nur ein Fenster, nicht das ganze Haus.
Menschlicher Kommunikation: Wir sprechen nicht nur mit Worten, sondern ständig auch mit Zeichen.
Madeleine Albright machte aus Broschen eine Art diplomische Sprache.
Wer die Symbolik kannte, konnte daraus Hinweise auf ihre Haltung lesen.
Die Brosche war keine Aussage, aber ein Signal.
So verhält es sich oft:
- die Krawatte mit einem bestimmten Motiv, ei Stier, ein Leopard, ein Hase.
- das Tattoo,
- das Hintergrundbild auf dem Smartphone,
- der Aufkleber auf dem Auto,
- das T-Shirt,
- sogar die Wahl eines Kugelschreibers oder einer Brille.
Jedes dieser Dinge kann eine kleine Botschaft sein:
“Das interessiert mich”, “Dafür stehe ich”, “So möchte ich gesehen werden” oder manchmal auch “So möchte ich gerne sein.”
Dabei ist der Unterschied zwischen Selbstbild und Wirklichkeit spannend.
Ein Motorradfahrer kann einen Totenkopf tragen und ein ausgesprochen sanftmütiger Mensch sein.
Jemand mit Anzug und Krawatte kann ein Rebell sein. Und jemand mit einem T-Shirt voller düsterer Motive, wie eine Frau im Zug die ein T Shirt mit dem Bild eines bloody Scotland zeigte, , entpuppt sich als Krimiautorin.
Plötzlich ergibt das Bild einen anderen Sinn.
Man hat nicht bei der Oberfläche aufgehört.
Die meisten Menschen würden ein Motiv wahrmehmen und vielleicht eine Vermutung angestellen.
Hinterfrägt man, wird mit einer einzigen Frage aus einer Projektion eine Begegnung.
Vielleicht ist das überhaupt der Unterschied zwischen Vorurteil und Interesse.
Das Vorurteil schließt die Geschichte ab, bevor sie begonnen hat.
Die Frage öffnet eine Tür.
Die Welt ist voller Schilder. Manche weisen den Weg. Manche lenken ab. Manche verbergen etwas.
Wer aufmerksam schaut, erkennt die Schilder. Wer nachfragt, begegnet dem Menschen.
Und manchmal, wie bei einer Krimiautorin des Romans “Mord auf sden Faröern” , mit der ich im Zug sass, entpuppt sich ein blutiges schottisches Landschaftsbild nicht als Drohung, nicht als Provokation, sondern schlicht als ein stiller Hinweis auf eine Leidenschaft und einen Beruf. Aus einem Symbol wird eine Geschichte. Und Geschichten sind oft tiefer als ihre Oberfläche.
Wir begegnen oft den Fassaden, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind.
Der Humorvolle, die Starke, der Erfolgreiche, die Immer-Gelassene.
Manchmal sind diese Seiten echt, manchmal sind sie Schutzschilder, manchmal beides zugleich.
Der Clown ist ein Beispiel. Das Lachen auf der Bühne kann aufrichtige Freude sein. Es kann aber auch eine Kunst sein, Schmerz für einen Augenblick zu verwandeln. Von außen erkennen wir den Unterschied oft nicht.
Vielleicht besteht bewusstes Hinschauen nicht darin, hinter jedem Menschen ein Geheimnis vermuten zu müssen,
sondern darin, offen zu bleiben für die Möglichkeit, dass mehr da ist als das, was wir auf den ersten Blick sehen.
Bei allem kann man das nicht, das würde einem überfordern, aber bei den Dingen oder Menschen, die einem wichtig sind.
Das ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt.
Niemand kann hinter jede Fassade blicken.
Dafür reicht die Zeit des Lebens nicht aus.
Aber bei den Menschen, die uns etwas bedeuten, lohnt es sich, ein zweites, drittes und viertes Mal hinzusehen. Zuhören statt nur hören. Wahrnehmen statt nur registrieren.
Vielleicht könnte man es so formulieren:
Die Oberfläche ist die Einladung. Die Tiefe ist die Begegnung.
Wer nur schaut, sieht ein Bild. Wer verweilt, entdeckt eine Geschichte. Wer zuhört, begegnet einem Menschen.