
“Vogelfrei” zu sein bedeutet oft: keine Bindungen, keine Zugehörigkeit, keine Verantwortung, aber auch keinen Schutz.
Es ist eine Freiheit der Loslösung.
Das Gefühl, fliegen zu können, ist etwas ganz anderes.
Es ist nicht die Abwesenheit von allem, sondern die Überwindung dessen, was uns nach unten zieht.
Die Schwerkraft wird dabei zu einem Symbol.
Nicht nur für die physikalische Kraft, sondern auch für Sorgen, Ängste, Zwänge, Erwartungen und Lasten.
Vielleicht sehnen sich Menschen deshalb seit Jahrhunderten nach dem Fliegen.
Nicht nur, weil sie einen anderen Ort erreichen wollen, sondern weil es die Vorstellung verkörpert, für einen Moment nicht beschwert zu sein.
Was wäre, wenn Menschen tatsächlich jederzeit fliegen könnten?
Wahrscheinlich würden wir schnell erkennen, dass technische oder biologische Möglichkeiten allein keine Weisheit erzeugen.
Die gleichen Menschen, die Straßen verstopfen, Grenzen ziehen, Kriege führen oder anderen den Weg abschneiden, würden dies vielleicht auch am Himmel tun.
Aus dem Traum vom Fliegen könnte ein dreidimensionales Verkehrschaos werden.
Dies führt zu einer paradoxen Erkenntnis:
Nicht die Fähigkeit zu fliegen macht frei. Sondern die Fähigkeit, mit Freiheit umzugehen.
Ein Vogel muss nicht über Freiheit nachdenken.
Er fliegt.
Der Mensch dagegen trägt seine innere Welt immer mit sich.
Wer von Sorgen erfüllt ist, würde sie auch tausend Meter über der Erde nicht verlieren.
Vielleicht liegt deshalb die eigentliche Unbeschwertheit nicht in der Überwindung der Schwerkraft, sondern in der Überwindung jener inneren Gewichte, die schwerer sind als jeder Stein.
Der Mensch träumt vom Fliegen.
Nicht weil die Erde zu klein wäre, sondern weil manches auf ihr so schwer erscheint.
Würde ihm plötzlich wachsen, was den Vögeln gegeben ist, würden sich die Wolken rasch mit den gleichen Hoffnungen, Irrtümern und Konflikten füllen, die heute die Straßen bevölkern.
Freiheit entsteht nicht durch größere Flügel.
Freiheit entsteht dort, wo die Lasten des Inneren für einen Augenblick leichter werden.
Vielleicht ist Unbeschwertheit daher keine Frage der Höhe, sondern des Gewichts, das wir mit uns tragen.
Unbeschwertheit ist nicht Grenzenlosigkeit. Sie ist die Leichtigkeit, mit den eigenen Grenzen leben zu können.
Vielleicht erleben wir das Fliegen bereits gelegentlich, ohne den Boden zu verlassen.
In einem Gespräch, beim Malen, beim Schreiben oder beim Blick in die Natur, beim Erleben eines Sonnenaufgangs, einer schönen Blüte, dann, wenn die Gedanken für einen Moment leichter werden als die Umstände.
Dann hebt nicht der Körper ab, sondern etwas in uns.