
Nicht alles, was wächst, wird größer. Manches wächst in die Tiefe. Ein Baum zeigt sein Wachstum nach oben, ein Mensch oft nur durch die Fragen, die er sich zu stellen beginnt.
Und sieht man abends aus dem Fenster seiner Wohnung kann man nicht nur den Sternenhimmel bewundern, sondern auch die vielen Lichter in der Stadt.
Und manchmal kommen einem da seltsame Asoziationen.
Die Stadt, die nachts ihre Plätze tauschte
Wenn die letzten Menschen ihre Fenster schlossen und die Straßenlampen zu glühenden Punkten wurden, begann in der bunten Stadt ein geheimes Leben.
Die Häuser rückten dann leise von ihren Plätzen.
Das rote Haus neigte sich zur Seite und fragte das blau gestreifte Dach: „Wie sieht die Welt von deinem Platz aus?“
„Anders als von deinem“, antwortete das Dach. „Hier hört man die Linien sprechen.“
Die Häuser lachten.
Denn niemand glaubte normalerweise, dass Linien sprechen konnten.
Aber in dieser Stadt waren die schwarzen Linien die ältesten Bewohner.
Sie waren schon da gewesen, bevor die ersten Farben auftauchten.
Sie waren die Linien der Wege und Strassen.
Tagsüber schwiegen sie und hielten die Gebäude zusammen.
Nachts jedoch flüsterten sie einander Geschichten zu.
Sie erzählten von dem gelben Kreis, der einst eine Sonne gewesen war.
Von dem roten Fenster, das eigentlich eine Tür werden wollte.
Von den Spiralen am Rand der Stadt, die behaupteten, sie seien der Wind in sichtbarer Form.
Die Farben hörten aufmerksam zu.
Das Blau wurde dadurch tiefer, das Rot wärmer und das Grün lebendiger.
Nur ein einziges Haus wollte nicht zuhören.
Es war ein großes Gebäude mit vielen Mustern und scharfen Kanten.
„Geschichten sind nutzlos“, sagte es. „Wichtig ist nur, fest zu stehen.“
Da schwiegen die Linien.
In derselben Nacht verloren die Häuser ihre Plätze nicht. Sie blieben stehen, wo sie waren.
Und plötzlich bemerkte das große Haus etwas Merkwürdiges.
Es stand fest wie immer.
Aber die Stadt wirkte leer.
Erst da begriff es:
Nicht die Mauern machten die Stadt lebendig.
Nicht die Dächer.
Nicht einmal die Farben.
Lebendig wurde die Stadt durch die Geschichten, die zwischen ihnen wanderten.
Am nächsten Abend bat das Haus die Linien: „Erzählt weiter. Ich möchte hören, was ich bisher übersehen habe.“
Da liefen die schwarzen Linien wie kleine Wege durch die Nacht, und die ganze Stadt begann wieder zu leuchten-
Wer nur auf seine eigene Form achtet, bleibt ein Gebäude.
Wer den Geschichten anderer lauscht, wird Teil einer Stadt.