„Ich bin kein Zentrum, kein Ursprung. Ich bin ein Konglomerat— aus Blicken, die mich trafen, aus Straßen, die mich trugen, aus Worten, die ich nie sprach. Mein Sein: ein Sediment aus Tagen, durchzogen vom Dahinter.“
Ein Sediment aus gelebten Fragmenten, widersprüchlichen Impulsen, urbanen Miniaturen und der täglichen Praxis des Widerstands.
Ein Konglomerat ist ein Gestein aus verschiedenen, oft abgerundeten Fragmenten—ein Bild für das “Ich “als Vielheit, als Sammlung disparater Erfahrungen, Rollen, Erinnerungen, Masken, Verletzungen, Träume.
Es verweigert die Idee eines homogenen Selbst und feiert stattdessen die Vielschichtigkeit.
Nicht „das Selbst“ im essentialistischen Sinn, sondern das „eigene Sein“—ein Prozess, ein Werden, ein In-der-Welt-Sein im heideggerschen Sinne.
Es ist nicht abgeschlossen, sondern durchlässig, verwoben mit Zeit, Ort, Anderen.
Und mit manchen Menschen besonders, denn dann ist das Ich nicht Zentrum, sondern Durchgang —ein Resonanzraum für das „Wir“, das sich in Begegnung, Mitgefühl und Liebe entfaltet.
Die Liebe als Wunderwirkerin—nicht im romantischen Kitsch, sondern als schöpferische Kraft, die das Ich durchlässig macht, verletzlich, offen.
Und genau darin liegt vielleicht das Glück: nicht im Besitz, sondern im Teilen, nicht im Haben, sondern im Sein-mit.
„Wenn das Ich sich neigt, entsteht Raum für das Wir. Und in diesem Raum wächst das Wunder: Liebe, die nicht fragt, sondern trägt.“
Das langsame Werden des Lebens schenkt uns Einsichten, die im flüchtigen Takt des Alltags verborgen bleiben. Die Tage sind laut, fordernd, voller Bewegung – sie drängen uns zum Tun.
Doch die Jahre, sie lehren uns das Sein.
Sie sind die Geduld der Zeit, die uns lehrt, was wir im Moment nicht fassen können.
Sie zeigen uns, wie Schmerz sich wandelt, wie Freude sich vertieft, wie das Dahinter – jenes schwer Fassbare – langsam Kontur gewinnt.
Die Jahre lehren, was die Tage nicht wissen. Nicht laut, nicht eilig – sie schleifen die Seele wie Wasser den Stein, bringen Tiefe in das, was einst nur Oberfläche war.
Die Tage rufen zum Tun, doch die Jahre lehren das Lassen. Sie zeigen, dass Erkenntnis nicht im Licht entsteht, sondern im Schatten, wo Zeit sich sammelt und Bedeutung langsam wächst.
Was gestern flüchtig war, wird heute Wurzel. Was heute schmerzt, wird morgen Sprache. Und was wir nicht verstehen, wird vielleicht das, was uns trägt.
Gesichter sind Maske und Spiegel zugleich – Schwellenbilder zwischen Sichtbarem und Verborgenem.
Gold und sein Glanz wirkt wie eine haloartige Aura, Symbol für ein inneres Aufleuchten, als Einladung zur Erinnerung an das Dahinterliegende.
Nur sehen dieses die Menschen, die Gold aus ökonomischen Gründen horten oder zur Schau tragen, nicht.
In einem weltberühmten Cafe , dem Cafe New York, kann man einen Cafe trinken, der mit Goldstaub bestreut ist.
Der Glanz ist betörend und das Bewusstsein dieses zu trinken, nicht unangenehm.
Menschliche Figuren und architektonischen Elemente sind Erinnerungslandschaften oder innere Städte – vielleicht ein Echo biografischen Orte oder imaginierte Geografien des Selbst.
Die Spannung zwischen Dauer und Vergänglichkeit, ist fast wie ein visuelles Sinnbild für ein Konzept des „Dahinter“.
Ein poetischer Atlas in Bewegung, singuläre Resonanzpunkte, Übergangsmoment.
Der Schleier der Fragmente – nicht als bloßer Schleier, der verhüllt, sondern als lebendige Membran zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen.
Er legt sich über uns, nicht um zu trennen, sondern um zu erinnern.
Erinnerungen als Widerhall des Ursprungs.
Das Ganze ist nicht harmonisch, sondern durchzogen von Dissonanzen, von jenen, die sich dem Resonanzraum entziehen oder ihn stören.
Und doch – auch sie sind Teil des Ganzen. Vielleicht ist es gerade diese Spannung, die das Ganze lebendig hält, die es atmen lässt.
„Geschichten, die das Leben erzählt“ klingt wie der Titel eines Buches, das nicht geschrieben, sondern gelebt wird.
Jede Falte im Gesicht, jeder Kieselstein auf dem Weg, jede zufällige Begegnung – alles wird zur Erzählung,
wenn man mit wachen Sinnen durch die Welt geht.
Das Leben bietet uns unzählige Varianten.
In der Straßenbahn, die Menschen sitzen da, unfreundlich, die meisten auf ihr Handy starrend, spricht man sie an, erschrecken sie.
Andere sind rücksichtlos rempeln einem an.
Beim Weg von einer Zugverbindung zur anderen rennen einem Menschen, die wie gehetzt blind daher rennen, fast um.
Dann wieder etwas ganz anderes. Eine Gruppe aus einem anderen Land ist gut drauf, macht Witze und integriert einem gleich in ihr geschehen.
Man kann alle Nuancen des Lebens und der Schicksale erleben, und jede Begegnung schreibt ihre Geschichte
Ein Mosaik aus Momenten – ein urbanes Palimpsest, in dem sich Gleichgültigkeit und Wärme, Entfremdung und spontane Nähe überlagern.
Es ist, als würde die Straßenbahn selbst zur Bühne eines ungeschriebenen Dramas, in dem jeder Fahrgast eine Rolle spielt, ob bewusst oder nicht.
Die Frage: Darf ich fragen aus welchem Land sie kommen, hat oft zur Folge dass man feststellt gemeinsame Bezugspunkte zu haben.
„Zwischen zwei Haltestellen“
Manchmal ist die Straßenbahn ein Aquarium aus Glas, gefüllt mit Blicken, die sich nicht begegnen wollen. Die Menschen starren in ihre Hände, als läge dort das Versprechen auf ein anderes Leben. Spricht man sie an, zucken sie zusammen – als hätte man ein unsichtbares Gesetz gebrochen. Ein Rempler, ein hastiger Schritt, und schon ist man wieder allein inmitten der Menge.
Doch dann, ein Lachen. Eine fremde Sprache, die wie Musik klingt. Eine Gruppe, die sich nicht schämt, zu leben. Sie reichen dir ein Stück ihres Moments – und plötzlich bist du Teil eines Festes, das du nicht geplant hast.
So fährt die Bahn weiter, durch Städte, durch Stimmungen, durch Geschichten, die sich nicht aufhalten lassen.
Dann im Zug ein kleines Kind dass aus vollem Herzen einfach vor sich hin singt.
Ein anderes, daß immer “Oder, oder” sagt, monoton wiederholend. Nach jedem Satz “Oder, oder”.
Der Grund ganz einfach. Die Mutter hatte es immer gefragt, magst Du den Brei, oder lieber das oder jenes, und, so hat das Mädchen das “Oder” wiederholt.
Genau das ist es , was das tägliche Leben so reichhaltig und wertvoll macht:
Das Sammeln dieser Splitter, das Aufspüren des „Dahinter“ in der flüchtigen Begegnung.
Eine Frau sitzt gegenüber, hat ein T Shirt an, das ein blutendes Schottland zeigt, mit der Aufschrift “Bloody Scotland” . Auf die Frage wie sie dazu kommt, die Antwort. Sie ist Krimi Autorin. Aus dem Gespräch wird eine Bekanntschaft.
Menschen öffnen sich, wenn sie merken, dass andere auch offen sind, und die Geschichten nehmen ihren Lauf.
Würden doch lieber alle Menschen aufeinander zu gehen und ihre Geschichten austauschen, statt sich hinter irgendwelchen Kulissen ihres Seins zurückziehen.
Ein visuelles Aufeinandertreffen zweier Maskenwelten.
Rituell aufgeladene Figuren, Gesichter sich in Unschärfe verlierend , und dann die andere Seite, grell geschminkt, karikaturhaft.
Es sind immer zwei Arten von Sichtbarkeit.
Eine, die sich einem entzieht, die andere die nach Aufmerksamkeit schreit..
Die Welt ist wie eine Bühne, ein Gehäuse, das oft von leuchtenden Rosa- und Rottönen durchbrochen wird,
von emotionalen Rissen, auch Spuren von Widerstand.
Ein Dialog zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen Archetyp und Intimität.
„Verlorene Mimik“ – das klingt nach mehr als nur einem Gesichtsausdruck, der entgleitet.
Es klingt nach einem Verlust von Resonanz, von echtem Gegenüber, von der Fähigkeit, sich im Anderen zu erkennen.
Und wenn man dies mit dem Unvermögen der Menschheit verbindet, Frieden zu finden, entsteht ein tiefes, fast apokalyptisches Bild:.
Die Gesichter haben Angst sich selbst zu sehen– als Spiegel des Inneren – die Sprache verlierend..
Die Gesichter sind da, aber sie sprechen nicht mehr. Die Stirn kennt keinen Zweifel, die Augen kein Erbarmen, der Mund kein Zögern.
Wir tragen Masken, nicht aus Stoff, sondern aus Starrsinn, aus Angst vor Berührung, aus der Müdigkeit des Immergleichen.
Der Friede – nicht verloren, sondern nie gelernt. Wie soll man sich versöhnen, wenn man einander nicht mehr ansieht? Wenn das Antlitz nur noch Fläche ist, nicht mehr Frage, nicht mehr Antwort.
Vielleicht beginnt der Friede nicht in Verträgen, sondern in der Rückkehr der Mimik. Ein Zucken, ein Blinzeln, ein Zittern im Gesicht – als Zeichen, dass da noch etwas lebt, das sich berühren lässt.
Das Leben ist ein Geflecht, das sich im Laufe der Zeit entwickelt, manchmal verdichtet, dann wieder am auseinanderfallen.
Es ist wie bei den Wurzeln von Bäumen und Pflanzen.
Nur bei uns Menschen sind sie nicht physisch, sondern mental, auch genealogisch und in der DNA
Die Visualisierung urbaner Verdichtung und organischer Erinnerung hinterlässt immer ihre Spuren.
Menschen sind immer im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Natur.
Die Insekten, Fliegen und Ameisen erscheinen uns manchmal fast kafkaesk.
Das Kleine, das Übersehene, das Unheimliche, ist Teil unserer Welt.
Wir leben im Widerspruch.
Da das rationale, geometrische Streben nach Ordnung und dort das chaotisch-lebendige Pulsieren des Natürlichen.
Und dazwischen wir.
Gesichter, Fragmente, Masken, die Vielschichtigkeit der Identität, das „Dahinter“.
Das Wurzelgeflecht, tastend, verzweigt, tief., und hinsichtlich Zukunft nicht planbar.
Wie heißt es: “Sage mir woher Du kommst und ich sage Dir wo Du hingehst”
Das ist nicht wörtlich zu nehmen.
Nur, wenn man seine eigene Geschichte kennt, weiß wo seine Wurzeln sind, auch wo sie hinwachsen, bringt man seine innere Uhr und seinen Kompass in Bewegung.
Es ist das erkennen und sehen lernen des eigenen “Ichs”,
nicht als Zentrum, sondern als Durchgangsort, als Membran zwischen Geschichte und Werden.
Die Herkunft ist ein Resonanzraum, die Zukunft die tastende Möglichkeit.
Ohne Wurzeln fehlt die Bodenbindung, das in der Realität verankert zu sein.
Der Mensch kann nicht völlig losgelöst und abgehoben sein.
Es ist ein Kompass, der nicht nach Norden zeigt, sondern nach innen.
Eine Philosophie des Verwurzeltseins, die nicht rückwärtsgewandt ist, sondern zukunftsoffen.
Wir sind alle Teil eines wunderbaren die Erde umfassenden Wurzelwerkes und haben immer noch nicht verstanden entsprechend zu handeln.