Das innere Theater

Szenen aus dem Inneren eines Menschen

Gedanken, Erinnerungen und Sehnsüchte betreten gleichzeitig die Bühne des Lebens.

Aus allen Richtungen strömen Eindrücke auf uns ein, bewusst und unbewusst wahrgenommen, oftmals kaum verarbeitet.

Ein Roboter hat es scheinbar einfacher.

Er folgt seinem Programm: Ja oder Nein, Aktion oder Reaktion, ohne Zweifel, ohne Sehnsucht.

Doch sind wir Menschen wirklich so viel freier?

Auch wir folgen Programmen:

Erlernten Verhaltensweisen, den Spuren unserer Sozialisation, genetischen Anlagen, den Narben unserer Erfahrungen.

Was wir für unser freies Ich halten, ist oft ein vielstimmiges Ensemble aus Vergangenheit und Gegenwart.

In unserem Inneren wechseln fortwährend die Kulissen.

Erinnerungen treten auf und wieder ab.

Sehnsüchte übernehmen manchmal.die Hauptrolle.

Ängste, Überlegungen erscheinen als Statisten und drängen sich manchmal plötzlich ins Rampenlicht.

Das Leben gleicht einem Theaterstück mit flexiblen Drehbuch und unterschiedlichen Rollenzuweisungen.

Eine Mixtur aus Erfahrungen, Erwartungen und Möglichkeiten.

Und vielleicht besteht unsere Freiheit darin, keine Programme zu haben.

Vielleicht besteht sie darin, den inneren Schauspielern zuzuhören, ihre Rollen zu erkennen und gelegentlich das Stück umzuschreiben.

„Wechselnde inneren Statisten, Kulissen und Rollen”.

Es ist die Erkenntnis, dass Identität kein fester Zustand ist, sondern eher eine fortlaufende Inszenierung.

Die Gesellschaft ist das kreative Team der Drehbuchautoren, das Schicksal entscheidet in welche Richtung die Inszenierung geht.

Drama oder Komödie, Krimi oder sanfte Soaps

Die Retroperspektive ist die Dokumentation, das Aktuelle die Tatsachendarstellung.

Life Theatre.

Der Roboter bleibt bei seinem Programm.

Der Mensch dagegen kann sein Programm betrachten.

Vielleicht liegt genau in dieser Fähigkeit zur Selbstbetrachtung der entscheidende Unterschied.

Wenn das Leben eine Bühne ist, dann gibt es nicht nur die Schauspieler und ihre Rollen.

Es gibt auch einen Rahmen, eine Architektur des Stücks.

Wir kommen nicht in eine leere Welt.

Wir werden hineingeboren in Sprachen, Kulturen, Gesetze, Werte, Erwartungen und Notwendigkeiten.

Sie bilden eine Art Grundgerüst des Drehbuchs. Nicht jede Szene ist frei wählbar. Niemand entscheidet selbst über Zeit, Herkunft, Sterblichkeit oder die Tatsache, dass Zusammenleben Regeln braucht.

Und doch genügt dieses Grunddrehbuch nicht.

Denn jeder Mensch schreibt gleichzeitig mit.

Die gesellschaftlichen Vorgaben liefern den Bühnenraum, aber die Inszenierung entsteht erst durch die vielen individuellen Geschichten. Familie, Beruf, Liebe, Enttäuschungen, Hoffnungen, Zufälle, Träume.

Unzählige Drehbücher überlagern sich, kreuzen sich, widersprechen einander.

Werte sind ähnlich.

Sie schreiben nicht jede Handlung vor, aber sie ermöglichen Orientierung zwischen den Möglichkeiten.

Ohne Kompass wird das Leben zum bloßen Reagieren. Mit Kompass entsteht die Chance, bewusst zu wählen.

Und vielleicht besteht die eigentliche Kunst des Lebens nicht darin, das perfekte Drehbuch zu finden, sondern darin, inmitten der vielen Stimmen die eigene Rolle so zu spielen, dass sie dem Ganzen dient, ohne sich selbst zu verlieren.

Das wäre dann die Balance zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen Individuum und Gemeinschaft.

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