Dämmerung

Es ist das Zwischenreich, in dem die Welt weich wird, die Konturen sich lösen und die Gedanken beginnen, ihre eigenen Wege zu gehen. Die Welt erscheint dann wie ein Mosaik aus Wahrnehmungsfetzen.

Es ist die Stunde, in der die Welt nicht hell und nicht dunkel ist.

Aber die Welt voller Geheimnisse auf der einen Seite,

die jedoch andere Geheimnisse preißgibt.

Das Licht ist gedämpft, als hätte jemand die Wirklichkeit auf leise gestellt.

Im Dämmerlicht beginnen die Dinge, ihre festen Grenzen zu verlieren.

Farben treten hervor, die man am Tag übersieht.

Man sieht am Tage alles und konzentriert sich nicht auf das Wesentliche.

In der Dämmerung ist man konzentriert.

Gesichter erscheinen nicht als Ganzes, sondern als Fragmente – ein Auge, das länger schaut als es sollte, eine Linie, die sich wie ein Gedanke fortsetzt, ein Schatten, der mehr sagt als ein Wort.

Im Dämmerlicht sieht man nicht die Welt, wie sie ist, sondern wie sie sich anfühlt.

Man erkennt die eigenen Erinnerungen in den Formen, die eigenen Zweifel in den Brüchen, die eigenen Hoffnungen in den leuchtenden Flächen, die sich gegen das Dunkel behaupten.

Es ist ein Zustand zwischen Wachen und Träumen, zwischen Wissen und Ahnen.

Man denkt anders in dieser Stunde: langsamer, tiefer, ehrlicher.

Die Gedanken haben keine Eile, sie gleiten wie Farben über eine Leinwand, vermischen sich, trennen sich, finden neue Wege.

Es dämmert einem was wichtig ist.

Das Wahrnehmen der Dämmerung ist ein innerer Übergang.

Die Welt erscheint nicht klar, nicht vollständig, doch gerade in ihrer Unschärfe wird sie wahrer als alles, was der Tag erlaubt.

Im Dämmerlicht entscheidet sich, worauf der Blick fällt, worauf sich das Bewusstsein sammelt.

Das Entscheidende ist das, worauf man sich konzentriert.

Man kann nur hoffen dass es den Menschen öfters mental dämmert was in der Welt geschieht und wir nicht nur Schlafwandler sind.

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