Die Hüterin der Farben

Die Geschichte der Hüterin der Farben

In einer Welt, in der Farben lebendig waren und ihre eigenen Stimmen hatten, lebte ein Wesen, das halb Mensch, halb Muster war.

Das Gesicht bestand aus Linien, die sich ständig bewegten, als würden sie Geschichten erzählen,

und ihre Augen leuchteten wie zwei kleine Sonnen, die niemals untergingen.

Sie war die Hüterin des Farbenraums, eines Ortes, an dem jede Emotion, jeder Gedanke und jeder Traum eine eigene Farbe bekam.

Wenn jemand auf der Welt lachte, erschien ein helles Gelb.

Wenn jemand mutig war, pulsierte ein tiefes Rot.

Und wenn jemand etwas Neues lernte, funkelte ein lebendiges Grün.

Menschlichkeit leuchtet wie Gold.

Aber auch die Wut, der Ärger bekamen Farbe.

Die Welt war bunt.

Doch eines Tages begann etwas Seltsames zu geschehen.

Die Farben wurden schwächer.

Das Blau verlor seine Tiefe,

das Violett seinen Glanz,

und selbst das Rot — das stärkste aller Gefühle — begann zu verblassen.

Sie spürte, wie die Linien in ihrem Gesicht nervös zuckten.

Etwas bedrohte den Farbenraum.

Sie folgte den Spuren der verblassenden Farben bis zu einem Ort, den niemand je betreten hatte:

den Schattenfeldern.

Dort traf sie auf ein Wesen, das ganz aus grauem Nebel bestand.

Es war der Verschlinger der Nuancen.

„Warum nimmst du den Menschen ihre Farben?“, fragte sie.

Er antwortete mit einer Stimme, die wie ein kalter Wind klang:

„Weil sie vergessen haben, sie zu sehen.

Sie laufen durch ihre Welt, ohne die Schönheit zu bemerken.

Ich nehme nur, was sie nicht mehr würdigen.“

Sie wusste, dass er nicht log.

Doch sie gab nicht auf.

„Dann lass uns ihnen helfen, sich zu erinnern“, sagte sie.

Sie öffnete ihre Hände, und aus ihnen strömten Farben — nicht nur Licht, sondern Gefühle, Erinnerungen, Sehnsüchte.

Sie zeigte dem Verschlinger der Farben die Freude eines Kindes, das zum ersten Mal den Regenbogen sieht,

die Wärme eines Sonnenuntergangs, der zwei Menschen näher bringt,

die Kraft eines mutigen Herzens, das trotz Angst weitergeht.

Er begann zu flackern.

Ein Hauch von Blau mischte sich in seinen Nebel, dann ein Rot, ein Gold.

„Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt“, flüsterte er.

Gemeinsam kehrten sie in den Farbenraum zurück.

Und von diesem Tag an wachte nicht nur die Hüterin der Farben über diese —

sondern auch der Verschlinger der Farben, der gelernt hatte, dass selbst die Schatten ihren Platz haben, solange sie das Licht nicht verschlingen.

Und so leuchten die Farben bis heute — in jedem Menschen, der bereit ist, sie zu sehen.

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