Die Anthropologie des Digitalen

Wir leben in einer Welt, in der der Mensch nicht mehr der Mittelpunkt ist, sondern ein Knotenpunkt in einem gigantischen Netz, das er selbst geschaffen hat und das ihn nun überragt.

Und genau diese Verschiebung erzeugt existenzielle Spannungen.

Was früher Werkzeuge waren, sind heute unsichtbare Organe.

Der Chip, das Smartphone, die Cloud – sie sind Erweiterungen unseres Nervensystems geworden.

Wir senden und empfangen permanent Signale, oft ohne es bewusst zu merken.

Selbst in der Wildnis bleibt der Datenfluss bestehen.

Der Mensch ist nicht mehr offline, sondern nur noch anders verbunden.

Der Mensch sucht nach Identitä im Datenozean, während die Systeme, die ihn umgeben, ihn in Daten zerlegen.

  • Wir wollen einzigartig sein.
  • Die Systeme wollen uns kategorisieren.
  • Wir wollen frei sein.
  • Die Systeme wollen vorhersagen.
  • Wir wollen uns selbst verstehen.
  • Die Systeme verstehen uns oft besser als wir uns selbst.

Diese Spannung ist nicht nur technisch, sondern zutiefst philosophisch.

Für was und wozu dient die Überwachung, zur Kontrolle, zum Geld verdienen, für einen digitalen Neokapitalismus in dem alles nur für die Wissenden erkennbar, für andere verschleiert wird.

Dass Kameras, Sensoren, Apps und Plattformen Daten sammeln, ist längst kein Geheimnis mehr.

Aber die meisten Menschen verstehen die Mechanismen nicht – und genau das macht sie verletzlich.

Nicht aus Dummheit, sondern weil niemand ihnen je erklärt hat, wie diese Welt funktioniert.

Es gibt kein Schulfach „Digitale Ethik“. Dabei wäre es heute fast wichtiger als Mathematik oder Physik.

Wir schaffen künstliche Welten, künstliche Identitäten, Avatare.

Auf einmal gibt es neben der Wahrheit zur scheinbaren Wahrheit mutierte Unwahrheiten, die der Mainstream durch hundertfaches Wiederholen der diese hervorbringenden, dann tatsächlich als Wahrheit annimmt.

Programme können heute Leben simulieren, Stimmen nachbilden, Gesichter generieren, Geschichten erfinden.

Die Grenze zwischen Realität und Konstruktion wird porös.

Und wer nicht gelernt hat, kritisch zu denken, wird leicht zum Konsumenten einer künstlichen Wirklichkeit, die andere für ihn formen.

Der Alltag ist die Datenquelle.

Ein Rückzug ist nur möglich wenn es keine Energiequelle mehr gibt, was unwahrscheinlich ist.

Ein Rückzug ins Innere wäre eine Kapitulation.

Vielleicht ist die neue Form von Freiheit nicht die Flucht aus dem Netz, sondern die Fähigkeit, sich selbst darin nicht zu verlieren.

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